Mike Dericum freut sich auf die Maiennacht: „Man trifft immer Jott und Pott“

Eupen

Beim Baumaufstellen ist Teamarbeit gefragt: Mike Dericum (l.) wartet auf Anweisung von Wusel-Mitgründer Fritz Haselbach (Mitte). | Foto: GE-Archiv

Keine einzige Maiennacht hat Mike Dericum in den vergangenen 25 Jahren verpasst. Inzwischen ist seine aktive Zeit im Eupener Junggesellenverein (JGV) Wusel zwar vorbei, doch wenn der Maibaum auf dem Werthplatz aufgestellt wird, ist alles wieder so wie früher, als der 43-Jährige noch jung, knackig und ledig war.

Von Annick Meys

In 25 Jahren Maiennacht hat Mike Dericum mehr erlebt, als ein einziger Zeitungsartikel erzählen könnte. „Vor etlichen Jahren“, erinnert er sich, „ist ein Mann mit seinem Auto die Heidbergtreppen hinuntergefahren, während wir auf dem Werthplatz aufgebaut haben.“ Das Ende vom Lied: Ein Abschleppunternehmen musste anrücken und den Fahrer aus seiner misslichen Lage befreien. „Günter Radermacher (Abschleppdienst SOS2000, A.d.R.) ist ohnehin jedes Jahr auf Abruf bereit“, lacht Mike Dericum und schüttelt mit dem Kopf: „Irgendein Autofahrer versäumt es immer, den Platz zu räumen.“ Manches ändert sich eben nie.

Rund 2.000 Menschen strömen jedes Jahr am 30. April zum Werthplatz um in den Mai hineinzufeiern.

Mike Dericum ist dem Eupener Junggesellenverein seit 25 Jahren treu. Seine aktive Zeit im Verein hat er zwar hinter sich, aber ein Wusel ist der 43-Jährige nach wie vor, nur dass er nicht mehr an jeder Ausfahrt teilnimmt. Klar, geht es dabei hin und wieder ums Saufen, aber nicht in erster Linie.

Was den Verein, der in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen feiert, ausmacht, ist der Zusammenhalt. Und das sei nicht einfach so dahin gesagt: „Man kann sich immer aufeinander verlassen“, betont Mike Dericum. „Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch.“ Über die Jahre seien Freundschaften entstanden, die bis heute gehalten haben. Mike Dericum bringt es auf den Punkt: „Es ist einfach eine super Truppe.“ Wer dabei sein will, muss ledig sein und seine Trinkfestigkeit unter Beweis stellen: Fünf „U-Boote“ – ein Pinnchen Schnaps, das in ein Bier getaucht wird – müssen Anwärter trinken. Von einer Aufnahmeprüfung zu sprechen, sei übertrieben: „Es ist eher eine Art Ritual. Hauptsache, die Chemie stimmt“, meint Bryan Maus. Der 25-Jährige ist vor vier Wochen zum Präsidenten des Junggesellenvereins ernannt worden. Die Maiennacht ist seine erste Amtshandlung.

Das beliebte Volksfest gehört zu den Höhepunkten des Junggesellenvereins – ein Selbstläufer, und das seit mehreren Jahrzehnten. Anfangs, als der Maibaum noch ein Maibäumchen war und nicht mehr als ein paar hundert Mann kamen, fand das Fest noch auf der Klötzerbahn statt. Als es dort zu eng wurde, zog die Maiennacht Anfang der Neunziger zum Werthplatz um. Was die Wusel seit vielen Jahren in Eigenregie auf die Beine stellen, ist beachtlich. Rund 2.000 Menschen strömen jedes Jahr am 30. April zum Werthplatz, Jung und Alt, um in den Mai hineinzufeiern. „Selbst bei schlechtem Wetter haben wir es bisher noch immer gut gehabt“, meint Mike Dericum. Er freut sich schon jetzt wie Bolle: „Für mich ist das Pflichtprogramm. Man trifft immer Jott und Pott. Es ist ein Fest für alle Generationen. Meine Mutter kommt genauso gerne wie meine Kinder.“

In all den Jahren als Wusel hat der zweifache Vater keine einzige Maiennacht verpasst. Er erinnert sich noch gut an die Anfänge: „Damals gab es noch keine Liveband, so wie heute. Wir hatten Lautsprecher und Musik vom Band.“ Mittlerweile gehört eine Coverband zum festen Programmpunkt. In diesem Jahr ist es die Aachener Formation Fahrerflucht (ab 21 Uhr).

Am Programm hat sich seit jeher nicht viel geändert: Um kurz vor 19 Uhr brechen die Wusel, begleitet von der Königlichen Harmonie Eupen, traditionell vom Bushof in Richtung Werthplatz auf. Früher hievten die Junggesellen den rund 20 Meter langen und mehrere hundert Kilogramm schweren Maibaum noch mit reiner Muskelkraft über Aachener Straße, vorbei am Rathaus, durch Pavee-, Kirch- und Gospertstraße. Heute erledigt das ein Traktor. „Das kann man bei der Größe der Gruppe gar nicht leisten“, argumentiert Wusel-Präsident Bryan Maus. Zurzeit zählt der Verein 15 aktive Mitglieder. Sie bilden den harten Kern, hinzu kommen Ehemalige, so wie Mike Dericum. „Wenn ein Neuer hinzukommt, stellt sich oft heraus, dass ich die Eltern kenne, weil die in meinem Alter sind.“ Aber Wusel ist Wusel, egal wie alt.

Gegen 19.30 Uhr dürfte der Festzug am Werthplatz eintreffen. Nachdem der Baum in Position gebracht wurde, kann mit dem Aufrichten begonnen werden. Das ist echte Präzisionsarbeit und verlangt höchste Konzentration. In einem Kraftakt stemmen die Männer den Baum Zentimeter für Zentimeter in die Senkrechte. Wusel-Urgestein Fritz Haselbach wird währenddessen, wie gewohnt, die Anweisungen geben. Der 55-Jährige hat den Verein 1983 mitgegründet.

Beim Thekendienst und beim Baumaufstellen möchte Mike Dericum, wie jedes Jahr, mit anpacken – das ist Ehrensache. Von seiner Erfahrung können die Jüngeren profitieren. „Das war früher gefährlich ohne Ende. Da war es immer mucksmäuschenstill, bis der Baum aufrechtstand“, erinnert er sich. Mit den Jahren seien Stahlseile und zusätzliche Stützen zur Absicherung hinzugekommen.

Sobald der Baum fest in seiner Halterung steht, werden die Junggesellen auf der Bühne das Maienlied singen, „zugegeben, eher schlecht als recht, was Textsicherheit und das Treffen der Töne angeht“, aber das sei schon immer so gewesen und habe nie jemanden gestört. Bryan Maus ist zuversichtlich: „Mit dem Liedtext in der Hand geht das schon.“ Anschließend übernimmt die Liveband, bis tief in die Nacht, die musikalische Unterhaltung.

Bis zum bitteren Ende wird Mike Dericum wohl nicht durchhalten. Das war einmal. „Dafür bin ich zu alt, da kann ich nicht mehr mithalten“, lacht der Eupener. „Auf jeden Fall findet man mich ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr hinter, sondern vor der Theke. Gemütlich ein Bierchen trinkend, oder zwei.“ Manches ändert sich eben nie.

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