Zuckerberg: Facebook mit menschlichem Gesicht

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Blick auf die Facebook-App | Foto: R. Vennenbernd/dpa

Mark Zuckerberg wirkte nie wie jemand, der an der weltverbessernden Rolle von Facebook zweifelt. „Unsere Mission ist es, die Welt offener und vernetzter zu machen“, wiederholte er gebetsmühlenartig über Jahre. Und jetzt? Plötzlich bekommt man einen Mark Zuckerberg zu sehen, der sich um sein Vermächtnis in den Augen seiner Töchter sorgt.

„Es ist wichtig für mich, dass wenn Max und August aufwachsen, sie das Gefühl haben, dass das, was ihr Vater aufgebaut hat, gut für die Welt war“, sagte er der „New York Times“ zu den Änderungen im Newsfeed, die Beiträge von Freunden und Familie in den Vordergrund bringen werden.

Es ist ein bemerkenswerter Satz. Er lässt im Umkehrschluss zu, dass Facebook nicht gut für die Welt sein könnte, zumindest wenn man jetzt nicht handelt. Und dann wagt sich Zuckerberg auch gleich noch an den Newsfeed – das Herzstück des Online-Netzwerks. Dort findet das Facebook-Leben der über zwei Milliarden Mitglieder statt, dort werden Anzeige für Anzeige die Milliardengewinne von Facebook geschöpft. Mit den Änderungen werden es Beiträge von Unternehmen, Medien und anderen Facebook-Seiten wie auch der von Parteien, schwieriger als bisher haben, in den Nachrichtenstrom der Nutzer zu kommen. Vereinfacht gesagt, man bekommt eher das nächste Katzenvideo zu sehen, wenn es die Tante geteilt hat oder im Facebook-Bekanntenkreis darüber diskutiert wird. Sonst wird es im Newsfeed hinter Urlaubsfotos und Unterhaltungen unter Freunden geschoben – außer, man legt in den Einstellungen fest, dass man Inhalte dieser Facebook-Seite unbedingt ganz oben sehen will.

Das frappierende ist: Die Änderungen werden dazu führen, dass die Nutzer weniger Zeit bei Facebook verbringen, räumt Zuckerberg selbst ein. Bisher schien es eher umgekehrt darum zu gehen, dass die Leute länger bei dem Online-Netzwerk bleiben und sich von Beitrag zu Beitrag hangeln. Facebook buhlte um Marken, Medien, „Kreative“ und „Influencer“ und rief sie auf, ihre Inhalte zu Facebook zu bringen. Jetzt werden viele von ihnen, die sich zu sehr auf Facebook als Verbreitungsplattform verlassen haben, im Regen dastehen. Und von Facebook können sie Mitgefühl, aber keinen Regenschirm erwarten.

Weniger bei Facebook verbrachte Zeit bedeutet zugleich weniger Gelegenheit, auf Werbeanzeigen zu klicken – also potenziell auch weniger Geld für Facebook. Außer natürlich, die Facebook-Seiten versuchen allesamt, sich über die Anzeigenplätze doch noch in den Newsfeed reinzuquetschen und treiben dadurch die Preise hoch. Die Zahl der Werbeslot wird aber nicht erhöht, stellt Facebook klar. Es muss also schon akuten Handlungsbedarf geben, wenn man statt der üblichen vorsichtigen Tests mit dem Bulldozer zwischen den tragenden Säulen des Geschäfts aufräumt. Zuckerberg argumentiert mit den Wünschen der Nutzer – und Studien, die zeigten, dass der passive Konsum von Inhalten nicht gut für das Wohlbefinden sei. Und Facebook fühle sich verantwortlich für das Wohlbefinden seiner zwei Milliarden Mitglieder.

Der Analyst Brian Wieser von der Firma Pivotal Research verwies auf Zahlen des Marktforschers Nielsen, wonach die Facebook-Nutzung zwei Monate in Folge auf Vorjahresniveau stagnierte. „Facebook spürt bereits Rückgänge bei der Nutzung und reagiert mit diesen Änderungen“, sagte Wieser dem Finanzdienst Bloomberg. Facebook selbst muss die Alarmsignale viel früher mitbekommen haben: Schon seit dem Quartalsbericht im November wurde immer wieder eingeworfen, es gehe um für die Nutzer bedeutsame Interaktionen bei Facebook – genau die Formulierung aus der aktuellen Ankündigung.

Wagt also Mark Zuckerberg einen radikalen Umbau und opfert einen Teil der kurzfristigen Gewinne, um die Zukunft seines Lebenswerks zu sichern? Sagt ihm sein Produkt-Gespür, dass sich in diesen turbulenten Zeiten die Menschen eher nach einem heimeligen Rückzugsort sehnen, statt auch bei Facebook mit Informationen geflutet zu werden? Oder haben wir es mit einem geläuterten Gründer zu tun, dem die Schattenseiten seiner Erfindung unter die Haut gingen? Die nächsten Schritte des Online-Netzwerks werden das zeigen. (dpa)

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