Was bringen eigentlich Jahres- und Gedenktage?

Brauchtum

Der Welttoilettentag (19. November) soll auf das Fehlen ausreichend hygienischer Sanitäranlagen in vielen Teilen der Welt aufmerksam machen. Illustration: Martin Gerten/dpa

Clara Schumann wird in diesem Jahr eine Ehre zuteil, die einen Tag später Alexander von Humboldt bekommt: Für den 13. und 14. September 2019 hat die Unesco-Generalkonferenz Gedenktage zum 200. Geburtstag der Pianistin und zum 250. Geburtstag des Naturforschers angesetzt.

Es sind einmal begangene Spezialitäten neben der Liste wiederkehrender Internationaler Tage, Wochen, Jahre und Dekaden der Vereinten Nationen. Allein deren Sammlung Internationaler Tage umfasst mehr als 150 Einträge. Den jüngsten hat die UN-Generalversammlung erst Anfang Dezember beschlossen: Fortan ist der 24. Januar Internationaler Tag der Bildung. Doch was bringen diese ganzen Gedenktage überhaupt?

„Veralltäglichung von Feiertagen ein massiver Angriff auf unser Bedürfnis auf Ordnung“

„Die Festschreibung eines Gedenktages oder einer Dekade per Resolution hat keine verbindlichen Auswirkungen auf Staaten oder UN-Organisationen“, erklärt Isabel Hofstätter vom regionalen UN-Informationszentrum für Westeuropa. „Vielmehr ist sie eine Einladung und Empfehlung für Staaten und UN-Organisationen, diesen Tag zu begehen.“ Bei der Unesco klingt das etwas staatstragender: „Sie erinnern an Leistungen der Völkergemeinschaft, geben Anlass zur Reflexion über weltweite Probleme, lenken die Aufmerksamkeit auf wichtige Zukunftsthemen und motivieren Menschen zu mehr Engagement.“ Messen lassen sich die Erfolge – wenn man so will – also kaum.

Katja Römer von der Deutschen Unesco-Kommission erklärt: „Der Erfolg bestimmt sich weitestgehend durch die Aufmerksamkeit, die auf das jeweilige Thema durch die Begehung eines Welttages fällt.“ Auch politisch Verantwortliche nähmen diese Tage als Anlass, sich zu äußern und Themen noch einmal stärker auf die politische Agenda zu heben. Oft weisen Internationale Tage auf Missstände hin. So soll der Welttoilettentag (19. November) auf das Fehlen ausreichend hygienischer Sanitäranlagen in vielen Teilen der Welt aufmerksam machen. Ähnlich bekannt dürfte der Welt-Aids-Tag (1. Dezember) sein. Es gibt aber auch solche ohne größeren öffentlichen Widerhall wie den Welttag der Aufklärung über Autismus (2. April) und den Welttag des Thunfischs (2. Mai). An manchen Daten drängt es sich sogar. So ist der 21. März Welttag des Down-Syndroms, Internationaler Tag zur Beseitigung der Rassendiskriminierung, Welttag der Poesie, Internationaler Tag der Wälder und Internationaler Nouruz-Tag, anlässlich des Neujahrs- und Frühlingsfestes im iranischen Kulturraum.

Ein Grund dafür sei, dass die Tage oft mit bestimmten Ereignissen verknüpft sind, so Hofstätter. Ein Beispiel sei auch der Welternährungstag am 16. Oktober. An dem Tag im Jahr 1945 wurde die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen gegründet. „Sowohl Mitgliedstaaten als auch UN-Organe können Gedenktage oder Internationale Tage, vorschlagen“, erläutert Hofstätter. „Natürlich muss das Thema oder Ereignis globale Relevanz haben, und die Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten muss dahinter stehen.“ Kriterien oder Anforderungen für einen potenziellen Gedenktag gebe es aber nicht.

Ad absurdum geführt werden die durchaus ernsten Anliegen durch zahlreiche von Vereinen, PR-Beauftragten oder Privatleuten erfundenen Gedenk- und Aktionstage. So listet die Internetseite feiertags.info etwa einen Weltkrokettentag (28. Februar) und einen Weltdufttag (27. Juni) auf. Zum Jogginghosentag (21. Januar) wird regelmäßig die Kritik von Modeschöpfer Karl Lagerfeld an Jogginghosenträgern aus der Mottenkiste gekramt. Und der Pi-Tag erfreut vor allem Mathematiker aus dem englischsprachigen Raum, weil er am 14. März zelebriert wird, in anglophiler Schreibweise 3/14 – was Fachleute und manche Laien sofort an die berühmte Kreiszahl erinnert. Aus Sicht des Soziologen Georg Kamphausen von der Uni Bayreuth ist die „Veralltäglichung von Feiertagen ein massiver Angriff auf unser Bedürfnis auf Ordnung“. Kirchliche Feiertage seien früher ein Anlass gewesen, innezuhalten, zur Ruhe zu kommen. Das sei verbunden gewesen mit einer Ritualisierung samt festen Handlungen und in der Kirche sogar festgelegten Farben, die Priester etwa an Ostern tragen. „Beim Volkstrauertag funktioniert das noch“, sagt Kamphausen. „Die Feuerwehrkapelle zieht auf, ein Kranz wird niedergelegt. Alle sind gut gekleidet und machen ein betroffenes Gesicht.“ Wenn aber jeder Tag gewissermaßen zum Festtag werde, entstehe eine Beliebigkeit, sagt der Professor für Politische Soziologie. „Wir können sagen, wir haben uns um das Problem gekümmert. Das bleibt aber unverbindlich.“ Das menschliche Bedürfnis, etwas Wichtiges zu verankern, werde durch die Vielzahl der Gedenktage hinfällig. Übrigens schrumpft die Tage-Liste hin und wieder auch – schlicht weil es das ursprüngliche Problem nicht mehr gibt. So entfielen mit der Unabhängigkeit Namibias und dem Ende der Apartheid in Südafrika vier Internationale Tage. Das ist laut Hofstätter aber eine Seltenheit. (dpa)

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