Reedereien setzen auf nachhaltigen Handel

Schifffahrt

Helfer entladen im Hafenmuseum das Öko-Segelschiff „Avontuur“. Das Schiff hatte rund 17 Tonnen biologisch angebauten Kaffee- und Kakaobohnen aus der Karibik geliefert. | Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Segelschiffe, die Säcke und Fässer entladen. Das klingt nostalgisch, gibt es aber tatsächlich noch – beziehungsweise wieder. Das soll die Umwelt schonen. Aber funktioniert das auch?

Ein würziger Duft weht aus dem Frachtraum der „Avontuur“. Mit einer Seilwinde ziehen die Seeleute ein Holzfass nach dem anderen nach oben. 18 Fässer mit Rum hat das Segelschiff noch geladen. Kapitän Cornelius Bockermann, drahtig und braun gebrannt, steht entspannt an Deck. Fünf Monate war die „Avontuur“ auf See, mit rund 70 Tonnen Kaffee, Kakao, Kardamom, Rotwein und Schnaps ist sie aus der Karibik zurückgekehrt – eine verschwindend geringe Menge im Vergleich zu modernen Containerschiffen. Und viel zu wenig, als dass Bockermanns Reederei davon allein leben könnte. Doch das ist ihm egal.

„Wir sind wenig kapitalistisch. Wir wollen nicht reich werden.“

„Wir sind wenig kapitalistisch. Wir wollen nicht reich werden“, sagt der 59-Jährige. Bockermann und seinen Mitstreitern bei der Elsflether Reederei Timbercoast geht es darum, ein Zeichen gegen die Umweltverschmutzung zu setzen, die der globale Seehandel verursacht. Deshalb haben sie einen fast 100 Jahre alten Frachtsegler, den Zweimaster „Avontuur“, gekauft und mit Hilfe von mehr als 160 Freiwilligen in einer Werft wieder fit gemacht. Seit zwei Jahren transportiert dieser Waren aus der Karibik nach Europa und soll beweisen, dass das auch nachhaltig geht. Etwa 90 Prozent aller Waren werden verschifft. Viele Milliarden Tonnen sind es jedes Jahr – Tendenz steigend. Der Transport per Schiff gilt eigentlich als klimafreundlich. Doch das treffe nur auf die Kohlendioxid-Emissionen pro transportierter Tonne zu, sagt der Verkehrsexperte Daniel Rieger vom Naturschutzbund (Nabu). „Da kann kein Lkw mithalten.“ Insgesamt betrachtet seien Frachter aber wahre Dreckschleudern. Die riesigen Dieselmotoren verbrennen Schweröl, das Umweltschützer wie Rieger als den dreckigsten Kraftstoff überhaupt kritisieren. Ungefiltert stießen sie große Mengen Feinstaub, Stickoxide und Schwefeloxide aus. Der Nabu hat errechnet, dass ein Kreuzfahrtschiff an einem Tag so viele Luftschadstoffe verursacht wie eine Million Autos. „Das ist nicht 100 Prozent vergleichbar mit einem Containerschiff“, erläutert Rieger. „Die Dimensionen gehen aber in eine ähnliche Richtung.“ Bockermann fährt zur See, seit er 20 ist – erst als Matrose, später als Offizier und Kapitän. Eine Zeit lang führte er eine kleine Schleppreederei und musste immer wieder havarierte Frachter bergen. Das gab ihm zu denken. 2014 verkaufte er sein Geschäft. „Wir können nicht alles für Konsum und Luxus opfern“, sagt er heute. Mit der „Avontuur“ will er eine Alternative anbieten. Man könnte Bockermann als Idealisten oder gar als Träumer bezeichnen. Ein Segelschiff allein wird den Welthandel nicht verändern.

Doch so wie Bockermann denken auch andere. 2007 gründete der Niederländer Jorne Langelaan mit zwei Freunden die Reederei Fairtransport, die heute mit der „Tres Hombres“ in die Karibik und der „Nordlys“ rund um Europa segelt. Ihr Ziel: „Wir wollen eine ganze Flotte von Frachtseglern schaffen“, sagt Langelaan. „Wir haben damals mit der „Tres Hombres“ als erste gezeigt, dass es möglich ist.“ In den vergangenen Jahren seien andere ähnliche Projekte entstanden, die Fairtransport aber nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung sehe. „Das Problem ist, es gibt nicht genug Schiffe für die Nachfrage“, sagt Langelaan. Deshalb hilft die Reederei im niederländischen Den Helder auch anderen Initiativen, die Waren mit dem Segelschiff transportieren wollen. Sie war es zum Beispiel, die Bockermann die „Avontuur“ vermittelt hat. Trotzdem: Mehr als eine Nische werden die Frachtsegler nicht bedienen können, wie der Nautik-Professor Thomas Jung von der Hochschule Bremen meint. Als Kapitän von Deutschlands Segelschulschiff „Alexander von Humboldt II“ kann er sich für solche Projekte begeistern, glaubt aber nicht an ihren kommerziellen Erfolg. Moderne Containerschiffe seien doppelt so schnell wie Traditionssegler, sagt Jung.

Außerdem lasse sich beim Segeln die Reise nie exakt planen. Im Welthandel komme es aber darauf an, dass die Ware pünktlich im Hafen eintreffe. „Was die machen, sind Liebhaber-Waren.“ Sprich Kaffee, Kakao, Öle, Hochprozentiges, Gewürze und andere Delikatessen aus Bio- und fairem Anbau, für die Kunden gerne mehr Geld auf den Tisch legen. Davon scheint es viele zu geben. „Die Nachfrage ist viel größer als wir transportieren können“, sagt Bockermann. Und das, obwohl seine Auftraggeber deutlich mehr für ihre Fracht zahlen müssen als auf einem Containerschiff. Gewinn macht Timbercoast trotzdem nicht. Die Betriebskosten der „Avontuur“ sind zu hoch. Zusätzliches Geld sollen Investoren und eine eigene Marke von gesegelten Spezialitäten einbringen. (dpa)

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