Heinrich Böll heute oft unterschätzt

Literatur

Heinrich Böll: Die Erinnerung an ihn ist verblasst, dabei war er lange ungeheuer wichtig. | Foto: Horst Ossinger/dpa

Was für ein Mensch war Heinrich Böll? Es gibt eine Szene, die ihn ziemlich gut beschreibt: Pressekonferenz in Köln – es geht um Hilfe für vietnamesische Flüchtlinge.

Alle Fernsehsender haben Kameras aufgebaut, immerhin tritt Literatur-Nobelpreisträger Böll auf. Ein Jungreporter – er schreibt für ein obskures linkes Blättchen – verkündet, er wolle Böll nach der Pressekonferenz noch interviewen. Die Korrespondenten belächeln ihn. Der und ein Einzelinterview! Aber kaum ist die Pressekonferenz zu Ende, wendet sich Böll dem jungen Mann zu und beantwortet ihm geduldig und liebenswürdig jede Frage, lässt sich sogar auf eine Diskussion mit ihm ein. Die Korrespondenten müssen warten, einige kochen vor Wut. Noch lange danach erinnert sich Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck: „Böll hatte diese Fähigkeit, die ich selten bei sogenannten großen Leuten wiedergefunden habe: sich auf etwas Kleines einzulassen.“

Den Großen dagegen begegnete Böll zeitlebens mit Misstrauen. Dieser gar nicht so gemütliche oder spaßige Rheinländer, geboren am Donnerstag (21. Dezember) vor 100 Jahren in Köln, legte sich mit allen an. Er konnte das nur deshalb, weil er selbst eine Macht war – die Verkörperung des „anderen Deutschlands“. Mitte der 1970er Jahre wählten ihn führende Meinungsmacher in einer Umfrage zur einflussreichsten westdeutschen Persönlichkeit nach Bundeskanzler Helmut Schmidt, dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt und CSU-Chef Franz Josef Strauß. Jeder kannte es, dieses verwelkte Gesicht mit den hängenden Backen, dem meist etwas geöffneten Mund und den melancholischen Augen.

Zwei Jahre nach seinem Tod am 16. Juli 1985 sagte der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger: „Wir haben Böll verloren. Aber dafür haben wir Amnesty und Greenpeace.“ Die Rolle solcher später gegründeten Organisationen füllte Böll in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik ganz allein aus. In seinen Romanen behandelte der gelernte Buchhändler alle brisanten Themen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft: die verdrängte Nazi-Vergangenheit, das Durchregieren der alten Eliten, die Fixierung auf Konsum und Besitz, die Wiederbewaffnung, die Doppelmoral der katholischen Kirche. Jedes neue Buch von ihm war ein Bestseller, der die Medien wochenlang beschäftigte und eine breite gesellschaftliche Debatte auslöste.

Dazu kamen Reden, Interviews, Artikel. „Unvergesslich: dieser wohltuende Mangel an Dämonie. Diese Stimme, das Gegenteil eines metallischen Organs, leise und vernehmlich auf Menschlichkeit beharrend, dem Spießertum in die Parade fahrend“, so Willy Brandt.

Böll war zum Beispiel einer der ersten, die in den 50er Jahren gegen das Verdrängen des Judenmords anschrieben. In der Nachkriegszeit wurde der Holocaust im Schulunterricht komplett ausgespart. Als Böll 1954 eine Kölner Klasse besuchte, hatte keiner der 40 Schüler je davon gehört.

Daraufhin schrieb er in einem Zeitungsartikel: „Wir beten für die Gefallenen, für die Vermissten, für die Opfer des Krieges, aber unser abgestorbenes Gewissen bringt kein öffentliches, kein klar und eindeutig formuliertes Gebet für die ermordeten Juden zustande.“

Während Bölls gesellschaftspolitische Bedeutung unbestritten ist, wird sein literarischer Rang immer wieder angezweifelt. So ätzte der Kritiker Marcel Reich-Ranicki – dem Böll bei seinem Start in Westdeutschland sehr geholfen hatte – 2008: „Reden wir offen: Schon jetzt ist nur wenig geblieben. Es wird naturgemäß immer weniger werden. Seine Romane sind mittlerweile allesamt in Vergessenheit geraten.“ Das ist so pauschal kaum haltbar. Sicher sind Bölls Werke nicht mehr obligatorische Schullektüre so wie in den 70er und 80er Jahren. Über vieles ist die Zeit hinweggegangen. Und gewiss gibt es Schwächen – so schrieb Böll recht unbeholfen über alles, was mit Frauen, Liebe und Sex zu tun hatte. Aber in anderer Hinsicht ist die Wertschätzung für sein Werk mit zeitlichem Abstand gestiegen.

Der Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974), in dem Böll die öffentliche Verleumdung und Vorverurteilung einer unbescholtenen Frau durch eine Boulevardzeitung schildert, hat im Zeitalter von „Fake News“ und „Shitstorms“ noch an Relevanz gewonnen. (dpa)

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