Berliner Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war

Geschichte

Der Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff steht in der Gedenkstätte Topographie des Terrors und blickt durch ein Loch im Beton eines Stückes ehemaliger Berliner Mauer. Die Berliner Mauer stand 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Am 5. Februar ist die Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war. | Foto: Gregor Fischer/dpa

Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Geschichte immer teurer. Für ein Foto mit einem falschen US-Soldaten und Flagge will ein Darsteller mittlerweile drei Euro pro Person. Den früheren Grenzkontrollpunkt an der Friedrichstraße passierten einst Diplomaten, heute stehen dort Laiendarsteller vor einem nachgebauten Haus. Drumherum: Touristen und was von der Mauer übrig blieb.

An diesem Montag (5. Februar) ist die Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war. Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Am 13.August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden. Viele Menschen können sich noch genau an die Zeit der Teilung erinnern. Sie gehörte zu ihrem Leben.

Doch es werden immer mehr, für die die Mauer ebenso in Geschichtsbüchern konserviert ist wie der Nationalsozialismus oder die Weimarer Republik. Geschichte fühlt sich für Menschen verschieden und unterschiedlich weit entfernt an. „Ach was, echt so lange ist die Mauer schon weg?“, hört man von manchen. Anderen kommt die Zeit seit dem Mauerfall viel länger und zäher vor.

Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste. Gerade erst wurde ein altes Stück Mauer am Stadtrand entdeckt. Und zwischen dem Potsdamer Platz und dem Checkpoint Charlie im Zentrum strömen jeden Tag Schülergruppen an den Mauerresten entlang, bevor sie in den Pausen shoppen gehen oder sich heimlich in eine Kneipe schleichen.

Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer. „Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen. Daran erkennt man, dass die Mauer für die Geschichte ist.“

Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen? Die Antwort sei nicht so einfach, denn die Abschottung habe schon vor August 1961 begonnen, erzählt er dann. Und der Bau der Mauer und ihre Nachbesserung hätten im Grunde bis zu ihrem Fall gedauert. Die DDR-Führung hatte die Grenze immer mehr perfektioniert, um Fluchten zu verhindern. Die zweite Frage laute oft, wer die Mauer gebaut habe.

„Die meisten denken, es waren die Russen und nicht die Deutschen“, sagt Müller-Tenckhoff. „Man muss dann weit ausholen und die grundsätzliche Nachkriegsgeschichte mit den Alliierten erläutern.“ SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein. Noch kurz vorher hatte er die Weltöffentlichkeit getäuscht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Der Stadtführer sagt das alles nicht mit Häme, im Gegenteil. Der gebürtige West-Berliner ist seit 1991 im Geschäft. Als die Mauer fiel, lebte er gerade in London und schaute im Fernsehen BBC. Einen Tag später flog er nach Deutschland – „nach Hamburg“, wie er sagt. „Nach Berlin ging ja nix mehr.“ Ihm kommt die Zeit seit dem Mauerfall länger vor als die Zeit der Teilung. Die Zeitwahrnehmung junger Menschen sei aber eine ganz andere. „Für die ist das die Zeit ihrer Eltern.“ „Das Zeiterleben ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt der Psychologe Klaus Seifried. „Junge Leute können sich das Leben vor 30 oder 40 Jahren kaum vorstellen.“ Wenn er Besuch habe und mit jungen Menschen zur Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße gehe, sei das für sie ähnlich fern wie der Zweite Weltkrieg. Das sei dann so, als wenn seine Eltern von der Zeit vor oder während des Krieges erzählt hätten. „Die sinnliche Erfahrung fehlt.“

Bei der Zeitwahrnehmung könne eine Rolle spielen, dass der Kalte Krieg schon nach 1945 begonnen habe und viel länger gedauert habe als die Mauer. Der Kalte Krieg habe sich ja nicht nur in Deutschland abgespielt, sondern auch in Afrika, Kuba oder Vietnam. „Das waren ja 44 Jahre Ost-West-Konfrontation. Die Mauer war nur ein Teilabschnitt davon.“

Wenn einem die Zeit mit der Mauer länger vorkommt als der Abschnitt seit dem Mauerfall, kann das laut Seifried auch am subjektiven Empfinden und dem heutigen Tempo liegen. Internet, Smartphones, Globalisierung, Mobilität – all das hat den Alltag beschleunigt. „Wenn wir uns erinnern, nehmen wir die Zeit dann als kürzer wahr, wenn viel passiert, wenn sich viel verändert“, sagt Seifried.

Wichtig sei auch, was man nach dem Mauerfall durchgemacht habe. „Es ist ganz entscheidend, wie man die Zeit danach erlebt hat, ob positiv als Befreiung oder negativ als Verlust.“ Für Menschen, die es nach der Wiedervereinigung schwer hatten, könne sich die heutige Zeit dahinziehen. Auch Stadtführer Müller-Tenckhoff erinnert daran, dass es natürlich die Menschen gab, die sich freuten. Aber eben auch diejenigen, denen die Wende Angst machte. Manche Menschen in Ostdeutschland fühlen sich noch heute benachteiligt.

Obwohl der Lebensstandard seit 1989 gestiegen, die Arbeitslosigkeit wieder gesunken ist und Kommunen herausgeputzt wurden. Sie verweisen auf niedrigere Renten, sterbende Dörfer, abgewanderte Fachkräfte. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst wurde die AfD im Osten zweitstärkste politische Kraft.

Im Westen habe es oft ein Gefühl von Überlegenheit gegeben, findet Seifried. Ähnliches hat der Begründer der gesamtdeutschen Linken, Gregor Gysi, vor Kurzem in einem Filmporträt des MDR erzählt. „Die ostdeutsche Herkunft galt als eine unterlegene.“ Ein entscheidender Fehler der Wiedervereinigung war aus seiner Sicht, „dass sich der Westen nicht wirklich für den Osten interessiert hat“. „Da wurde Konkurrenz beseitigt – darunter leidet die Bundesrepublik bis heute.“

Und nun? Die Teilung wird langsam zur Geschichte. „Menschen neigen dazu, dass sie positive Dinge erinnern und negative vergessen oder relativieren. Bestimmte Dinge werden verklärt – sowohl in Ost als auch West“, sagt Psychologe Seifried. „Ich glaube, dass Bürger, die die DDR aufgebaut haben, eher die positiven Dinge erinnern und deswegen auch ein Stück enttäuscht sind von der sozialen Härte unseres Systems. Dass sie sich auch an die Fürsorge des Staates erinnern.“ Kollegen aus dem Osten hätten beispielsweise noch während des Studiums Kinder bekommen, weil es Wohnungen, Stipendien und Betreuung gab. „Aber die Beschränkung des Lebens und die Bespitzelungen werden nicht mehr so erinnert.“ Von Pionierlagern erzählten Kollegen aus dem Osten mit leuchtenden Augen. „Wenn wir im Westen daran denken, denken wir an ideologische Ausrichtung“, sagt Seifried. „Es gibt immer mehrere, subjektive Wahrheiten. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich auf eine Sache schaue.“ (dpa)

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