Kraut- oder Schrebergarten ?

NACHTNOTIZEN

In der Gaunerkomödie „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch ist viel von Kultur die Rede. „Keine Kultur, Madame?“, fragt da ein Einbrecher die erblasste neureiche Dame, und diese Gretchenfrage, was Kultur in der Gesellschaft bedeuten sollte, geistert durch das Stück. Keineswegs frech, aber wie Frisch das so einmalig konnte, mit Schmäh und genüsslichem Schmunzeln. Der Züricher Schriftsteller legte, ähnlich wie sein Freund Friedrich Dürrenmatt, stets Wert darauf, die überschaubaren „schwyzer Kantönli“ für die großen Schauspielhäuser salonfähig zu machen. Es gelang immer wieder, Bühnen-Klassiker und Bestseller-Auflagen erschienen. Wenn man bedenkt, dass ostbelgische Politiker sich gerne an Modelle der Eidgenossen orientieren, und Unterrichtsminister Harald Mollers erst letzte Woche König Philippe beim Staatsbesuch in der Schweiz begleitet hat, liegt ein Vergleich mit der Kultur im „Kanton Ostbelgien“ nahe. Überblickt man das aktuelle Umfeld, konkurrieren da heftige Licht-und Schattenspiele.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Zur Sonnenseite zählen gewiss die Erfolge des Ostbelgien-Festivals, die Besucherzahlen im Triangel, die jugendliche Vielfalt im Alten Schlachthof, nicht minder die Umfragewerte des BRF oder der Journalisten-Preis für Heinz Warny. Bedeutend frostiger wird es in der Literatur, wo es dem spärlichen Nachwuchs schwerfällt, den Durchbruch in Verlage zu schaffen, während sich im grollenden „Krautgarten“ die heimatlichen Autoren in die Nachbarschaft der Weltdichtung von Brecht, Neruda und Ritsos schieben… Der Herausgeber bezeichnet sein Heft als „die einzig feine Stimme, die es in der Gegend gibt“. Andere Ostbelgier, die er nicht rein lässt, sind für ihn „Leute, die aus dem Jenseits zurückkommen“ oder „Wohlfühlkrempel produzieren…“ Das Agora-Theater, dank Marcel Cremer europaweit anerkannt und gerade jetzt wieder mit einem ausländischen Preis der Jury ausgezeichnet, verleumdet er in bösartiger Arroganz als „Großschmarotzer“ und gebärdet sich selbst als Verfolgter in einem Polizeistaat. Nun feierte der Gärtner zum vorletzten Mal Abschied. Vielleicht hilft es beim Nachdenken über Poesie.

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