„Anschlag auf Süße des Lebens“ – Verbeugung vor den Terroropfern von Nizza

Gedenkfeier

Für jedes der 86 Opfer von Nizza wurde bei der Gedenkfeier am Samstag eine weiße Rose niedergelegt.
Für jedes der 86 Opfer von Nizza wurde bei der Gedenkfeier am Samstag eine weiße Rose niedergelegt. | Foto: afp

Frankreich würdigt mit großem Zeremoniell die Toten von Nizza. Die Gedenkfeier ist ein lang erwartetes Zeichen der Anerkennung. Drei Monate nach dem Anschlag ist der Schmerz noch groß.

Von Sebastian Kunigkeit und Jessica Camille Aguirre

Jede Blume ein gebrochenes Schicksal. Einer nach dem anderen tragen 86 Schüler weiße Rosen zu einem kleinen Brunnen – eine für jedes Todesopfer des Anschlags von Nizza. Etwa zehn Minuten dauert es, bis alle ihre Namen genannt sind. Die Sonne des Südens taucht die Gedenkfeier auf dem alten Schlosshügel von Nizza in gleißend helles Licht, im Hintergrund funkelt das Mittelmeer. Angehörige wischen sich mit Taschentüchern durchs Gesicht; eine Frau legt den Arm um ihre Nachbarin, die Köpfe aneinandergelehnt.

Der Schmerz ist noch nah, drei Monate nach der Todesfahrt des weißen Lastwagens auf der Strandpromenade von Nizza. „Wie soll man leben, wenn man mehrere Mitglieder seiner Familie verloren hat?“, fragt Cindy Pellegrini. Die junge Frau trägt mit zittriger Stimme eine Rede im Namen der Hinterbliebenen vor. „Heute weinen Nizza und ganz Frankreich um 86 Opfer“, sagt sie. „Wir hoffen von ganzem Herzen, dass von nun an jeder von Ihnen am 14. Juli den Himmel betrachtet und daran denkt, dass jeder Stern ein für immer gebrochenes Leben ist.“

Die nationale Zeremonie mit Staatspräsident François Hollande am Samstag ist ein lang erwartetes Symbol der Anerkennung für die Opfer und die Hinterbliebenen. „Alle haben diese Hommage gefordert, die Familien der Opfer, die Bewohner von Nizza, die Stadt Nizza, die auch ein Opfer ist“, sagt der einflussreiche Regionalpolitiker Christian Estrosi dem Sender Europe 1. Niemand hätte es verstanden, wenn die Opfer von Nizza nicht die gleiche Würdigung bekommen hätten wie nach den Anschlägen von Paris, meint der Konservative.

Die Zeremonie folgt einem strikten Protokoll. Hunderte Politiker und Verantwortliche sind angereist, die republikanische Garde ist angetreten. Der alte Schlosshügel, auf dem schon lange kein Schloss mehr steht, ist strikt abgeschirmt, Besucher werden mit Bussen unter Polizeieskorte hinaufgefahren. Die Stadt wirkt an diesem Morgen wie frisch gewaschen, die Straßen glänzen noch von Regennässe, am Vortag wütete ein Unwetter – die Organisatoren hatten die Zeremonie deshalb kurzfristig um einen Tag verschieben müssen.

Der malerische Ort ist symbolträchtig: Er scheint gewissermaßen über den Dingen zu schweben. Aber wer sich ein paar Schritte von den Besuchertribünen entfernt, sieht die langgestreckte Strandpromenade unter sich, die nach dem traditionellen Feuerwerk am französischen Nationalfeiertag zum Ort des Grauens wurde. „Was ein Fest sein sollte, wurde die Hölle“, sagt Hollande. „An diesem 14. Juli wurde auf der Promenade des Anglais die Süße des Lebens getroffen.“

Die Zeremonie ist auch politisch wichtig – und nicht ohne Fallstricke für den Sozialisten, der ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl ohnehin schwer angeschlagen ist. Nach dem Anschlag war die konservative Stadtführung von Nizza die nationalen Behörden scharf angegangen.

Der neue Massenmord nach der verheerenden Terrorserie im Land spitzte die bereits schwierige Stimmung weiter zu: Die Frage, ob Frankreich vom Terror zermürbt wird, schien nicht mehr weit hergeholt. Und die Wut richtete sich auch gegen die Verantwortlichen in Paris. Premierminister Manuel Valls wurde am Rande einer Schweigeminute in Nizza sogar ausgebuht. Noch dazu ist die Region am Mittelmeer auch eine der Hochburgen der rechtsextremen Front National (FN).

Hollande nutzt die Gelegenheit, um dagegenzuhalten und erneut vor einer Spaltung des Landes zu warnen. Die Terroristen wollten Angst schüren, um Misstrauen und Stigmatisierung anzuheizen, sagt er. Mit am meisten Eindruck macht am Ende eine kleine Geste. François Hollande verbeugt sich vor der Tribüne mit rund 800 Überlebenden und Angehörigen – und erntet Applaus.

Doch auch wenn die politischen Konflikte an diesem Tag des Gedenkens vorläufig in den Hintergrund treten: Die Zerreißprobe um die Anti-Terror-Politik ist für Frankreich längst nicht ausgestanden. Der Vorwahlkampf hat die Gräben bereits weiter vertieft. Und klar ist ebenfalls, dass Nizza noch lange mit den Folgen des Anschlags zu tun haben wird. Es brauche noch Zeit, meint Estrosi, „auch wenn Nizza nach und nach zum Leben zurückkehrt“.

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