Zieht dem Video-Schiedsrichter bitte endlich den Stecker

Kommentar

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Seit 23 Spieltagen läuft in der Fußball-Bundesliga das Experiment mit dem Video-Schiedsrichter oder wie er offiziell heißt Video Assistant Referee, kurz VAR. Mit jedem Matchday – um dem englischen Fachjargon treu zu bleiben -, wünschen sich etliche Fans sehnsüchtig die Zeit vor der Einführung zurück. Warum? Na, weil früher, als der Fußball den Videobeweis noch mied wie Dracula das Sonnenlicht, einfach alles besser war. In fast jedem anderen Lebensbereich ist diese Binsenweisheit ziemlicher Bullshit, doch in diesem Fall trifft sie genau ins Schwarze. Ein Kommentar.

Von Carsten Lübke

Damals – was eigentlich gar nicht so lange her ist – hatte Franz Beckenbauers Erkenntnis „Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“ Bestand. Heute, Pustekuchen. Um am Puls der Zeit zu bleiben, müsste die Weisheit eigentlich in „Abseits ist, wenn der Video-Schiedsrichter Lust hat, einzugreifen“ umgedichtet werden. Denn obwohl der Videoassistent nur bei spielentscheidenden Fehlern der Unparteiischen auf dem Platz eingreifen soll, gibt es Woche für Woche immer wieder Diskussionen und keine einheitliche Regelauslegung – es entsteht fast der Eindruck, als würde vor dem Monitor nach Belieben entschieden. Der eine sieht’s so, der Nächste anders – kurz gesagt: heute hü und morgen hott. Das ist einfach unerträglich.

Es gibt im Fußball nun einmal viele Situationen, bei denen man nicht von Schwarz oder Weiß reden kann, sondern von Grau – soll heißen: eine Sache der Interpretation. Ausnahme ist die Torlinientechnik: Da ist der Ball entweder voll hinter der Linie oder eben nicht – deswegen ist diese Technik sinnvoll, weil sie genau entscheidet. Foul- oder Handspiel sind dagegen oft Auslegungssache. Früher, um bei dem beliebten Terminus zu bleiben, konnten unterschiedliche Interpretationen auch damit erklärt werden, dass der „Schiri“ in Sekundenschnelle entscheiden musste – dieses Argument gibt es in Zeiten des Videobeweises nicht mehr. Doch anstatt Klarheit schafft der Assistent vor dem Bildschirm Unklarheit, und die will nun wirklich niemand haben. Dann doch lieber zwischendurch mal mit menschlichen (Fehl-)Entscheidungen leben.

Denn mal ehrlich, kein Mensch kann mit der aktuellen Situation glücklich sein, dass Fans, Spieler und Trainer erst in wilder Euphorie losfeiern, um anschließend auf brutale Art und Weise wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Genau das ist doch das Schöne am Fußball, darum gehen zigtausende Anhänger Woche für Woche ins Stadion. Eine brutale Vollbremsung der Glücksgefühle hat wirklich niemand verdient – nicht einmal Köln-Fans.

Also: Ist der Referee am Monitor überflüssig? Ja, ist er, weil er seinen Auftrag nur hin und wieder erfüllt – und das reicht eben nicht, um aus einer guten Idee tatsächlich auch eine Errungenschaft zu machen. Kurzum: Zieht dem Video-Schiedsrichter bitte endlich den Stecker.

  1. Jahrelang hat man nach dem Videobeweis gebrüllt, jetzt ist er da und es wird wieder gebrüllt….Die Frage ist nicht ob dem Videobeweis den Stecker gezogen werden soll sondern, warum funktioniert er in England einwandfrei (im wahrsten Sinne des Wortes) und in Deutschland, sowie in Belgien, nicht?…..

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