Neue Zeiten, leere Seiten?

Kommentar

Auch journalistische Arbeit hat ihren Preis. Logischerweise möchten Urheber und Verleger an den Gewinnen beteiligt werden, die durch Weiterverwertung ihrer Arbeit generiert werden. Foto: David Hagemann

Stellen Sie sich vor, es marschiert einer, ohne dass Sie ihn eingeladen hätten, durch Ihre Haustür schnurgerade Richtung Küche, öffnet den Kühlschrank, greift sich den für das Festessen zur Kirmes bereits zubereiteten Hirschbraten und verschwindet, ohne ein Wort zu sagen, wieder durch die Haustür. Später treffen Sie ihn auf dem Wochenmarkt wieder. Seelenruhig verkauft er ihren Hirschbraten scheibenweise an die Marktbesucher. Wenn Sie nicht schon längst die Polizei gerufen hätten, würden Sie es jetzt tun und den Dieb fassen lassen.

Von Oswald Schröder

Was im „normalen“ Leben jeder für normal finden würde, gilt nicht im gleichen Maße im Internet. Knapp 30 Jahre, nachdem Tim Berners Lee den Grundstein für das heute nicht mehr wegzudenkende Internet legte, gilt für viele das Internet noch immer als der Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. In dem es keine Schranken gibt und in dem die Freiheit grenzenlos ist. Auch die, über das Eigentum anderer frei zu verfügen.

Was der mittlerweile von Queen Elisabeth zum Ritter geadelte Tim als CERN-Mitarbeiter im Jahr 1989 ersann, um wissenschaftliche Inhalte so einfach wie möglich unter Kollegen zu teilen, ist längst zu einem der wichtigsten Marktplätze der Welt geworden. Die Waren sind oft Daten. Diese Daten sind ganz oft auch Inhalte, die von Menschen unter Einsatz von Kreativität und meistens auch erheblichen finanziellen Mitteln, geschaffen wurden: als Musik, als Filme oder als Zeitungsartikel. Vom Altruismus eines Berners Lee ist wenig übrig geblieben. Ein Blick auf die jüngsten Börsendaten zeigt es. Zwei Konzerne haben gerade die magische Grenze von 1.000 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung geknackt: Apple und Amazon. Unter anderem mit der Weitervermarktung von Inhalten anderer. In vielen Fällen werden die Urheber nicht an der Auswertung ihrer Rechte, also der Urheberrechte beteiligt. Ein regelrechter Kampf David gegen Goliath. Wobei in der virtuellen Welt Steinschleudern nicht funktionieren.

Genau dieses Problem wird eines der heiß diskutierten Themen auf der heutigen Sitzung des Europäischen Parlamentes sein. Europas Verleger, Zeitungsmacher und Journalisten wehren sich dagegen, dass ihr (geistiges) Eigentum einfach abgegriffen und weiter vermarktet wird: wie unser Hirschbraten. Es geht ihnen dabei um mehr als die Rettung des Kirmesschmauses.

Die Verleger sprechen – zu Recht – von einer Existenzfrage. Es geht aber noch um viel mehr. Als Verleger oder als Journalist haben wir eine gesellschaftliche, eine demokratische Rolle zu spielen. Nicht selten wird vom Journalismus als der „vierten Säule der Demokratie“ gesprochen.

Medien spielen eine wichtige Rolle: bei der Kontrolle von Regierungen und Parlamenten, aber auch von zahlreichen Abläufen, die unser Zusammenleben regulieren. Ob in der Wirtschaft oder bei Umweltverstößen, ob bei Missbrauch oder Korruption – die Medien haben eine Kontrollfunktion auszuüben, ohne die eine normal funktionierende Demokratie kaum denkbar wäre. Diese ist in ernster Gefahr.

Es wäre wünschenswert, dass das Europäische Parlament genau abwägt, was wichtiger ist: die grenzenlose Freiheit im Netz oder unsere freiheitliche Demokratie. Zu der nach meiner Meinung – trotz aller Befangenheit, weil direkt betroffen – funktionierende und lebensfähige Medien einen wichtigen Beitrag leisten.

Sonst könnten bald auch mal halbe Zeitungsseiten leer bleiben: wie unsere Seite 1. Oder ganze Blätter vom Markt verschwinden. Ein Stück europäischer Kultur wäre dahin.

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