Belgien ist weit mehr als Fritten und Bier

Kommentar

Begeisterung von Brüssel in schwarz-gelb-rot bis in den letzten Winkel des Landes. Das ist Belgien nach der fantastischen WM der Roten Teufel. | Foto: belga

Die Helden sind wieder zu Hause. Die WM ist vorbei, also Fahnen einpacken und das wars? Das wäre aber schade. Denn was die roten Teufel aus Russland mit nach Hause gebracht haben, ist weit mehr als eine Bronzemedaille und eine Matroschka sowie eine Flasche Wodka im Gepäck.

Von Oswald Schröder

Selbst wer nicht fußballbegeistert ist oder ein wenig Mühe mit dem Föderalstaat und seinen Symbolen hat, muss doch spätestens beim Auftritt unserer Nationalelf auf dem Grand‘ Place im Herzen Brüssels gespürt haben, dass das fantastische Abschneiden von Hazard, De Bruyne, Lukaku, Kompany und all den anderen das Potenzial hat, unserem Land einen regelrechten Schub zu verpassen. Das sind in der Tat die Geschichten, die man seinen Kindern oder Enkeln immer wieder erzählt. Stolz, das man dabei sein, durfte und diese Begeisterung miterleben durfte. Von der Gänsehaut ganz zu schweigen.

Und plötzlich ist Belgien in aller Munde: Aus dem Land, durch das man meistens durchfährt, ohne es überhaupt wahrzunehmen, und dessen Autobahnraststätten man besser kennt als seine gotischen oder Art-Nouveau-Schätze, bekommt ein Gesicht. Ein sympathisches überdies. Das ist Standortmarketing, wie es die beste Brandingagentur der Welt nie am Reißbrett entwerfen kann.

In Frankreich und Kroatien verhält es sich ähnlich. Ganz zu schweigen von Russland, denen man eine solche WM ohne Stoß und Schlag gar nicht zugetraut hätte. Und der Sieg der russischen Sbornaja gegen den früheren Weltmeister und Europameister Spanien. Man muss sich kneifen…

Solche Euphorie hat das Potenzial, eine ganze Generation zu befeuern. Man hat es am Sommermärchen 2006 in Deutschland gesehen. Plötzlich war unser Nachbar nicht mehr die kalte, gut organisierte, ordentliche aber doch vor allem steife Nation. Auf einmal war man Gastgeber von Freunden. Merkel hatte gerade ihre erste Kanzlerschaft angetreten. Deutschland erlebte danach, trotz Weltfinanz- und Eurokrise, einen wahnsinnigen Aufstieg. Der bis heute anhält: von der lahmen Ente zum Motor Europas.

Belgien ist zu klein, um den Schub an einen ganzen Kontinent weiterzugeben. Aber gemeinsam mit Frankreich und Kroatien kann man auch auf europäischer Ebene etwas bewegen: Europa ist Weltklasse!

Belgien selbst kann den Elan gut gebrauchen. Allzu lange haben viele das Land als ein notwendiges Übel gesehen. „Flanders first“ oder „Wallonie d‘abord“ war eher angesagt. Dabei hat Belgien als Land viel mehr zu bieten als leckere Fritten und Biere. Und weit mehr als begeisternden Fußball!

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