Alte Welt piekst Neue Welt

Kommentar

Die 4,34-Milliarden-Strafe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Europa technologisch und wirtschaftlich seinem Namen „Alte Welt“ alle ehre macht. | Foto: afp

4,34 Milliarden EUR: So viel muss Google an die Europäische Union zahlen – wenn das Unternehmen nicht binnen 90 Tagen aufhört, seine Markt beherrschende Position mit seinem Betriebssystem Android auszunutzen. Dixit Marghrete Vestager, die resolute dänische Wettbewerbshüterin der EU-Kommission. Bereits letztes Jahr musste Google 2,42 Milliarden EUR für ähnliche Vorwürfe berappen. Und hat am Ende gelöhnt. Das ist schon mal positiv.

Von Oswald Schröder

Ob die Strafe Google wehtut? Schon, wie ein Nadelstich eben. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 zahlte Google rund 4,6 Mrd. EUR an Steuern. Aber es bleibt doch nur ein Mückenstich: bei einer Marktkapitalisierung von rund 650 Mrd EUR. Dabei ist Google, das an den Aktienmärkten unter dem Begriff „Alphabet“ firmiert, nur die Nummer vier unter den digitalen Giganten. Apple führt die Riege mit 800 Milliarden EUR an, es folgen Amazon mit 757 und Microsoft mit 690 Mrd. Facebook kommt immerhin noch auf 425 Mrd. In der Branche laufen die fünf Giganten unter dem Begriff GAFAM. Sie werden aber jetzt schon von ihren chinesischen Konkurrenten Alibaba und Tencent gejagt. Bald werden sie sich mit denen ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Und Europa? Weit und breit nicht zu sehen. Der einzige nennenswerte europäische digitale Konkurrent SAP bringt es auf gerade mal 126 Mrd. EUR Marktkapitalisierung.

Dennoch oder gerade deswegen ist zu begrüßen, dass die EU-Kommission hart durchgreift. Genau diese Haltung würde man sich auch wünschen, wenn es um die Kontrolle und die Besteuerung der Wertschöpfung aus fremden digitalen Inhalten und Daten durch die Internetgiganten geht. Noch ist Europa nämlich nicht in der Lage, Steuer-, Daten- und Eigentumsschutzkonzepte zu präsentieren, um die eigenen Bürger und die eigene Verlagslandschaft zu schützen.

Das wäre aber dringend erforderlich, denn Europa wird nicht nur technologisch immer weiter abgehängt, es läuft auch Gefahr, von den US-amerikanischen oder chinesischen Digitalgiganten aufgekauft zu werden. Deren Kriegskassen sind prall gefüllt, und die Strategien sind aggressiv.

Nehmen wir als Beispiel Apple. Erst vor einigen Tagen wurde publik, dass der Konzern über 5.000 Spezialisten an der Mobilität der Zukunft arbeiten lässt. Das Vorzeigeunternehmen aus dem kalifornischen Cupertino müsste gerade einmal 25% seines Kapitals aufwenden, um die gesamte deutsche Automobilindustrie von Audi über BMW, Daimler, Porsche bis VW zu schlucken.

Ein Blick in die Aktienmärkte zeigt es deutlich: Europa ist längst abgehängt. Wir können noch so umweltfreundlich tun: Die Hitparade der größten europäischen Unternehmen führen mit BP und Shell zwei aussterbebedrohte Ölkonzerne an, während in den USA fünf zukunftsweisende Konzerne der Digitalwirtschaft den Ton angeben.

Deshalb ist die 4,3-Milliarden-Strafe der EU leider auch nicht mehr als ein Nadelstich der Alten gegen die Neue Welt.

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