Die Metropole Rangun eilt in die Zukunft

Myanmar

Der Shwedagon-Hauptstupa ist tonnenschwer mit Gold überzogen und auf der Spitze mit Edelsteinen und Diamanten dekoriert. | Foto: Frank Rumpf/dpa

Erst vor wenigen Jahren hat sich Myanmar, das frühere Birma, nach langer Militärdiktatur der Außenwelt geöffnet. In der ehemaligen Hauptstadt Rangun lässt sich der Zwiespalt des tiefgläubigen Landes zwischen gestern und morgen hautnah erleben.

Von Frank Rumpf

Wenn es Nacht wird in Rangun, leuchten die Neonreklamen, und die Fenster der brandneuen Hochhaustürme glitzern am dunklen Horizont. Auch Buddha hat sich der neuen Zeit angepasst und blinkt hier und dort als Statue mit einem psychedelisch bunten Heiligenschein aus Leuchtdioden fast wie ein Gott der Disko. Rangun, die größte Stadt Birmas, dem heutigen Myanmar, wird anderen Metropolen Asiens immer ähnlicher. Sicher ist es noch kein Bangkok und schon gar kein Shanghai oder Singapur. Aber die Richtung ist klar: Nach vorne soll es gehen. Die Vergangenheit und damit auch die alten Stadtansichten weichen Schritt für Schritt dem Neuen.

Tagsüber sieht das noch etwas anders aus. Dann erblickt man beim Spaziergang durch die ehemalige Hauptstadt – 2005 zog die Regierung auf Anweisung des damaligen Diktators Than Shwe in die Retortenstadt Naypyidaw um – zwischen den Neubauten noch britische Kolonialvillen, unbewohnt und von tropischer Vegetation überwuchert. Bald werden sie wohl einer Shoppingmall oder einem Apartmentblock weichen müssen.

Man findet hier und dort auch bemerkenswert urbane Wohnhäuser aus den 50er- und 60er-Jahren, eine Epoche des Aufschwungs im damals gerade unabhängig gewordenen Birma. Mit ihren wabenartigen Balkonen und runden Fenstern sind die Häuser meist nicht liebevoll als Baudenkmal restauriert, sondern befinden sich im verwitterten Originalzustand, überzogen von Strom- und Telefonkabeln. Auch diese Zeitzeugen sind bestandsgefährdet, falls nicht ein potenter Architekturfreund daraus ein schickes Boutique-Hotel macht.

Und noch immer sieht man auf den Straßen Menschen im traditionellen Wickelrock Longyi. Männer wie Frauen, Jung wie Alt. Im Gesicht als Sonnenschutz die weiße Paste des Thanaka-Baumes. Die Augen allerdings verdecken aktuelle Designer-Sonnenbrillen. Während in den Dörfern noch Ochsenkarren und Pferdekutschen zum Transportwesen gehören, stehen auf den Straßen der Fünf-Millionen-Stadt Rangun auch einige imposante Luxuslimousinen deutscher Herkunft im Stau.

Es gibt Versuche, die Vergangenheit zu bewahren. Nur führen sie in Rangun wie andernorts in Asien manches Mal zu eher gegenteiligen Ergebnissen. Geschichte reduziert auf den Vermarktungszweck.

Zwei Beispiele eines positiv, eines eher negativ: Dem Luxushotel „Governor’s Residence“ im Botschaftsviertel, einst Wohnsitz des Gouverneurs im südlichen Birma, gelingt es dank behutsam renovierter Räume und einem schönen Garten, einen glaubwürdigen Eindruck vom Kolonialstil der 1920er-Jahre zu erwecken. Man sitzt auf offenen Veranden hinter dunklen Brüstungen aus Teakholz beim Tee.

Die andere Legende des Ranguner Gastgewerbes, das „Strand Hotel“ am Hafen, hat einen anderen Weg gewählt. Hier soll hinter der blitzblank renovierten Fassade beliebiges internationales Interior-Design ein Traditionshaus in die Jetzt-Zeit holen. Lippenstiftrote Korbsessel amüsieren im „Strand Café“, in der „Sarkies Bar“ erinnern karierte Sessel und übergroße Tischleuchten an eine Kulisse aus „Alice im Wunderland“. An den Tischen sitzen die betuchte Jugend und auffällig viele Australier. Die australische Botschaft liegt gleich nebenan.

Eines aber bleibt bei allem Wandel vermutlich noch für die nächsten 1.000 Jahre erhalten: das Wahrzeichen Ranguns, die Shwedagon-Pagode. So weit ist es noch nicht gekommen, dass der 99 Meter hohe Stupa dieses mächtigen, unvergleichlichen Bauwerks nicht mehr der Nabel der Stadt wäre. Der Überlieferung nach wurde das Heiligtum bereits vor 2.500 Jahren gebaut, lange vor der Stadtgründung im 18. Jahrhundert.

Zwei Kaufmannssöhne sollen 588 vor Christus acht Haare des Gautama-Buddha hergebracht haben. Für die Reliquie des Erleuchteten und drei seiner vermuteten Vorgänger wurde eine Pagode errichtet und über die Zeit immer wieder überbaut und erweitert, mit Gold und Edelsteinen verziert. Angeblich glänzt hier inzwischen mehr Gold in der Sonne, als in den Tresoren der Bank von England ruht.

Nachts leuchtet die Pagode sanft im Flutlicht, späte Vögel kreisen zwitschernd um ihre diamantenbesetzte Spitze. Morgens im ersten Sonnenlicht huschen Schatten über den weitläufigen Tempelberg, und noch kaum ein Bewunderer macht seine Aufwartung. Mittags kühlt der Marmorboden die nackten Füße vieler hundert Besucher – Schuhe ausziehen und lange Kleidung sind Pflicht.

Die Shwedagon-Pagode ist zu jeder Stunde eine Offenbarung. Hier schlägt das Herz des Landes, und man spürt den tiefen Glauben der Birmaner. Hier fanden auch einschneidende Ereignisse des Landes statt. In den 1920er-Jahren trafen sich vor der Pagode die Freiheitskämpfer gegen die britische Kolonialherrschaft. 1988 hielt die heutige Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi an diesem Ort ihre erste große Rede. Kritiker werfen ihr jedoch aktuell vor, nichts gegen die Vertreibungen der muslimischen Minderheit der Rohingya zu unternehmen.

Man kann es sich leicht machen und einfach für eine Stunde oder zwei still im Schatten sitzend die Menschen zu beobachten, wie sie den glockenförmigen Stupa im Uhrzeigersinn umrunden. Mönche und Nonnen in roten Roben. Alte Greise am Stock und kleine Kinder. Ganze Familien, die sich zum Beten niederlassen. Es gibt so viele Nebentempelchen und Mini-Stupas, Nischen und Türmchen, dass man vermutlich eine ganze Woche bräuchte, um sie alle zu erkunden.

Am lebhaftesten geht es an den Gedenkmalen für die acht Wochentage zu. Acht sind es, weil der Mittwoch nach birmanischer Vorstellung zweimal zählt, für Vormittag und Nachmittag. Man sucht sich den Tag seiner Geburt, sei es ein Montag oder ein Mittwochnachmittag, überschüttet Buddha und Fabeltiere mit einer Kelle Wasser und wünscht sich viel Gutes. Rangun und dem ganzen Land sei es gegönnt. (dpa)

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