Hubert vom Venn: Brief an eine verflossene Liebe …

Kolumne

Meine Liebe, Ich darf dich doch noch so nennen, auch wenn es in den vergangenen Jahren zwischen uns oft gekriselt hat und nun sogar das endgültige Aus unserer jahrelangen Beziehung droht. Dabei hatte ich immer gedacht, dass diese Liebe ewig währen wird – bis dass … du weißt schon.

Von Hubert vom Venn

Als ich zum ersten Male deine Rundungen sah, war ich hin und weg. Damals kamst du ja meistens noch in echtem Leder daher. Dann habe ich mich über Jahre an deiner Kleidung orientiert. Als du dich in Rot kleidetest, war dies auch für mich die ausschlaggebende Farbe meines Lebens. Nun gut, die Sache mit der Ziege, die du Geiß nanntest, habe ich nie so ganz verstanden. Sie kam mir gerade in diesen Monaten noch einmal hoch –, allerdings aus einem ganz anderen Grunde.

Später hast du in meiner höchsten Liebesphase die Kleidung getauscht – von Rot zu Schwarz-Gelb. Doch ich liebte dich auch mit wechselnder Bekleidung: Schwarz-weiß, teufelsrot, löwen- oder königsblau.

Unsere Beziehung war besonders schön, da wir uns höchstens einmal in der Woche trafen – da blieb eine gewisse Liebesspannung erhalten. Doch das ist lange vorbei, heute belästigst du mich fast täglich, ja ich finde dich sogar richtig aufdringlich …

Dich – meinen geliebten Fußball.

Lass uns daher einen Schlussstrich ziehen und uns noch einmal an die schönen Tage zwischen uns erinnern:

Es begann alles zu einer Zeit, als die Meister noch in einem echten Endspiel ermittelt wurden – , Bundesliga kam erst später: Die spannenden internationalen Spiele nannten sich noch Europapokal der Landesmeister und nicht Champions League – aus jedem Land der Meister – und fertig. Auch deine kleine Schwester, der Europapokal der Pokalsieger, sorgte durchaus nicht nur für Zweitklassigkeit, auch wenn sie sich später UEFA-Pokal nannte. Aber mit den Umbenennungen bekam unsere Liebe einen ersten Dämpfer – , es durften einfach zu viele Mitmacher aus den Geldtöpfen schlecken. Aus jedem Lande zwei Teams, ich fand das war genug.

Aber wie das bei der großen Liebe nun einmal so ist. Ich nahm es hin …

Wunderbar die Zeit, als die ersten nationalen Ligen gegründet wurden; in Deutschland war das wohl 1963. Lange vor meiner Zeit in Belgien 1895/96 – die belgische Erstklassenliga ist damit eine der ältesten Fußball-Spielklassen auf dem Planeten. Gut, dass du in Belgien eine Liaison mit Bier eingingst, darüber schauen – gerade wir Eifeler – gnädig hinweg. Eine Südeifel-Metropole würde sonst kein Mensch kennen.

Was waren die sechziger/siebziger Jahre schön – durch dich, meine ehemalige Liebe, habe ich Roger Van Gool, Roger Claessen, Herbert Wimmer und Günter Netzer live erleben dürfen.

Nach dem dritten Tor von Wembley wurde die Liebe grenzenlos – , da ließ ich wegen dir ab 1970 so manchen „Tatort“ sausen, der mir – ähnlich wie du – dauernd schöne Augen machte. Aber auch diese Beziehung – vielleicht tröstet es dich – hat in letzter Zeit sehr gelitten, da immer mehr Kommissare einen Ratsch am Kappes haben müssen. Aber du, ex-geliebter Fußball, hast mit dem Ratsch schon viel früher begonnen: Gut, dass seit 1967 ein verletzter Spieler ersetzt werden darf, ist noch fair. Aber müssen es seit 1994 drei quicklebendige Spieler aus rein taktischen Gründen sein? Oft ab der 88 Minute.

Was hast du, lieber Fußball, uns mit deinen Torhütern alles zugemutet: Drei-Schritt-Regel, 6-Sekunden-Regel, Rückspiel-Regel, Tanz auf der Linie beim Elfmeterschießen.

Ich habe dies alles akzeptiert, auch wenn ich merkte, dass ich mich in Sachen Liebe auch schon einmal in eine andere Richtung orientierte. Nein, Formel 1 war das nicht, da brauchst du gar nicht eifersüchtig sein, eher das gute Buch während des Spiels. Man schaut sich die Aufstellung an, die ersten fünf Minuten, dann Fernseher aus und nach 40 Minuten wieder einschalten, dann werden – gerne auch ohne Ton des Fachkahns – die Tore gezeigt, dann wieder TV aus und kurz vor Ende die Zusammenfassung der Fachwissenden einschalten. Wenn es Verlängerung gibt, hat man wieder 30 Minuten Ruhe von dem Kick. Elfmeterschießen, das gebe ich zu, ist immer noch ein Reiz, mit dem du nicht geizen musst. Du siehst, zu oft machtest du auf dich aufmerksam: Montagsspiele, ich bitte dich! Dann wohl demnächst auch eine internationale Super-Liga. Dieter Adler und Ernst Huberty würden die über die Glatzen gekämmten Haare zu Berge stehen.

Doch nun bist du auf den Strich gegangen.

„Nations League“ hat mir den Herbst verhagelt. Warum kommt zu all dem Überangebot aus nationaler, zweiter, Europa 1, Europa 2, Pokal, Auf- und Abstieg nun diese aufgepeppte Freundschaftsspiel-Liga?

Ich kann es dir sagen, weil du nichts mehr umsonst machst, den Hals nicht voll bekommen kannst. Selbst im TV soll ich für dich seit Jahren bezahlen.

Man merkt dir die Gier nach Geld förmlich an – und daher bist du nicht mehr sexy.

Demnächst sollen auch die Teilnehmer der Weltmeisterschaft auf so viele Mannschaften erhöht werden, dass sogar Holland dabei sein kann.

Noch einmal zum Abschluss in die schnöde Vergangenheit: Ich habe in der Schule geschlafen, weil ich meine Liebe in Mexiko sehen wollte, habe echte Freundinnen versetzt, weil ich es mit dir lieber gegen Kickers Offenbach, Standard Lüttich oder Schalke 04 trieb.

Und du? Du wurdest immer langweiliger, unersättlich mit deinen dauernden Besuchen und dem Ausruf „Es gibt nichts anderes im Leben als Fußball!“

Doch, Doch! Das gibt es

Kurzum, meine Liebe. Lass uns Schluss machen, unsere Beziehung beenden. Vielleicht läuft man sich ja noch einmal über den Weg, und die Liebe flackert wieder auf …

… am nächsten Samstag zum Beispiel.

(Foto: Heike Eisenmenger)

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