[16.12.2009]
Österreichische Comiczeichnerin Ulli Lust präsentiert packendes Werk über Zeit als 17-Jährige

»Es ist nicht gesund, immer nur gläubig zu sein«

Ulli (unten, links) und Freundin Edi bei ihrem Aufenthalt in Rom.

Von Patrick Bildstein

Mit »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens« ist der österreichischen Comiczeichnerin Ulli Lust eine autographische Graphic Novel gelungen, die noch Wochen nach der Lektüre Spuren hinterlässt, so packend und rührend ist ihre wahre Geschichte als Punk-Ausreißerin auf Reisen durch Italien.

Ulli Lust geht nicht mit Samthandschuhen an ihre Vergangenheit als 17-Jährige ran. Es wird alles so gezeigt, wie es gewesen ist: hart, intensiv und zum Teil durch enttäuschende sexuelle Erfahrungen erniedrigend.

Mit der Autorin unterhielten wir uns über ihr unglaublich fesselndes Buch und ihren Blick auf Männer und Freundschaften sowie die Verarbeitung von solchen Erfahrungen.

Autobiographische Werke sind sehr mutig. Haben Sie die Veröffentlichung einiger (intimen) Teile Ihres Lebens im Nachhinein nicht bereut?

Noch nicht. Das Buch ist erst kürzlich erschienen. Ich habe festgestellt, dass es mir keinerlei Probleme bereitet hat, unangenehme Szenen aufzuzeichnen. Darüber zu reden tut es leider schon, besonders mit einem Mikro unter der Nase. Trotzdem versuche ich reflektiert zu bleiben. Bei dem Buch handelt es sich schließlich nicht um eine persönliche Beichte, sondern um ein literarisches Werk.

Wie haben Menschen auf Sie reagiert, die Ihre Vergangenheit nicht kannten?

Eher überrascht. Wahrscheinlich haben sie mir mehr zugetraut.

Was sagt Ihr Sohn dazu?

Dazu kann ich einen O-Ton aus Philipps Mail zitieren: »Toller... Wahnsinnscomic! Die Traumsequenzen haben mir übrigens besonders gut gefallen, auch wenn sie eigentlich Albträume waren. Die Story... harte Sachen drin und manchmal auch dumm, was ihr so getrieben habt. Der Schluss mit dem Heimkommen hat mich mitgenommen, weil ich natürlich die Personen kenne und auch weiß, wie dramatisch das Ganze war. Naja, alles in allem natürlich ein Wahnsinnswerk. Ich glaube auch nicht, dass mich jemals wieder ein Comic so mitreißen wird, und thanks für den Gruß im Nachwort.«

Wie würden Sie als Leserin auf Ihre eigene Geschichte reagieren? Geschockt? Verständnisvoll?

Gerade lese ich einen noch brisanteren autobiographischen Comic von Phoebe Gloeckner und bin begeistert.

Sie haben viel über sich ergehen lassen müssen. Wie wäscht man den Schmutz ab?

Ich habe das wilde, schmutzige Leben damals bewusst gesucht. Eigentlich finde ich weniger interessant, wieviel ich selbst erleiden musste, sondern wie die Menschen auf mich reagiert haben. In dem rechtsfreien Rahmen, in dem ich mich bewegt habe, trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Jeder Einzelne, den ich getroffen habe, hatte immer die Entscheidungsfreiheit, ob er sich wie ein Arschloch verhält oder echte Integrität beweist. Es war lehrreich zu erfahren, wie auf eine allein reisende Frau reagiert wird.

Wie betrachten Sie heute einen Mann im Allgemeinen?

Ich mag Männer sehr. Aus vielen Gründen. Eine Ausnahme bilden Männer, die Frauen nicht respektieren (zugegeben: eine große Gruppe).

Gibt es für Sie echte Freundschaften, nach der schlechten Erfahrung mit Edi (die Freundin, mit der sie nach Italien abhaut, A.d.R.)?

Ich bin heute sehr wählerisch bei meinen Freunden.

Jugendliche machen oft rebellische Phasen durch und machen dann Dinge, die sie später nicht verstehen. Was würden Sie ihnen mit Ihrer Erfahrung mit auf den Weg geben?

Solange man niemanden verletzt: Jeder sollte mal die Verhältnisse auf den Kopf stellen, versuchsweise ungewohnte Perspektiven einnehmen, absurde Aktionen durchspielen. Dabei handelt es sich um etwas wie einen Weißabgleich mit der Realität, eine Neujustierung zwischen Kindheit und erwachsenem Leben. Es ist nicht gesund, immer nur »gläubig« zu sein.

Wie angsteinjagend war die Mafia? Sie schienen ja keinen großen Respekt zu haben.

Die Bruderschaft der Mafiosi mit ihrem strengen Ehrenkodex waren für mich eine kleinere Gefahr als junge Streuner am Strand. Gewalt gegenüber Frauen ist unter Mafiosi verpönt, und die Mitglieder mussten ihr Gesicht wahren.

Am Ende des Buches lassen Sie in Italienisch einfließen: Ich habe Hunger, habe kein Geld. Bitte helft mir. Warum gerade diese zwei Sätze?

Es handelt sich um Faksimile, einen Zettel, mit dem ich damals in der U-Bahn gebettelt habe.

Waren Sie noch mal in Palermo?

Um Fotos als Zeichenvorlagen zu machen. Heute schützt mich mein Alter und die Tatsache, dass ich meine Reisen besser plane.

Wie betrachten Sie Punks heute?

Leicht angewidert und mit Sympathie.

Können Sie Prostitution (ihre Freundin Edi prostituierte sich in Italien, A.d.R.) nachvollziehen?

Mit der Vorstellung von angesehenem Hetärentum kann ich mich gut anfreunden. Die gesellschaftliche Ächtung scheint mir das größte Problem.

Warum haben Sie das Comic so genannt? Standen auch andere Titel zur Auswahl?

Den Titel hat mein Lebensgefährte Kai Pfeiffer ersonnen und mir für dieses Buch geschenkt. Wir haben lange über Alternativen nachgedacht, kürzere vor allem, aber keine hat inhaltlich so perfekt gepasst.

Werden Sie in Zukunft weiter aus Ihrem Leben berichten, oder bleibt das eine einmalige Sache?

In diesem Umfang wird es eine einmalige Sache bleiben. Ich arbeite gerne mit dokumentarischem Material, und die Welt ist voller guter Geschichten.

Ulli Lust: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens, Avant-Verlag 2009,

464 Seiten, 29,95 Euro,

ISBN: 978-3-939080-36-7



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