Steigende Anzahl von Kindern, die nicht „trocken“ sind

Kindergarten

Zur Problematik des Windelwechselns im Kindergarten hat es laut Minister Mollers zuletzt immer wieder Beanstandungen gegeben. | Foto: Patrick Pleul/dpa

In den Kindergärten Ostbelgiens steigt offenbar die Anzahl der Kinder, die nicht „trocken“ sind. Die Deutschsprachige Gemeinschaft möchte darauf reagieren. Bildungsminister Harald Mollers (ProDG) spricht von „vielschichtigen“ Ursachen.

Von Christian Schmitz

Der Vivant-Abgeordnete Michael Balter hatte sich an den Minister gewandt. Demnach habe die Vivant-Fraktion Rückmeldungen erhalten, wonach Eltern und Großeltern von Kindergärtnern und Erziehern telefonisch benachrichtigt wurden, wenn ein Kind im Kindergarten in die Hose genässt hatte. So hätten die Erziehungsberechtigten ihre Tätigkeit unterbrechen müssen, um ihre Kinder abzuholen und sich um diese zu kümmern. „Auffallend ist, dass mehrfach angedeutet wurde, diese Anordnung käme ‚von oben‘. Eine Kindergärtnerin betonte sogar, der Minister selbst habe diese Instruktion erteilt“, so Balter.

„Windelentwöhnung hat sich in den letzten Jahrzehnten verschoben.“

Es habe tatsächlich eine solche Vorgehensweise in vereinzelten Schulen gegeben, berichtete Harald Mollers unter Berufung auf die Schulentwicklungsberatung. Zudem habe die Abteilung für externe Evaluation mitgeteilt, dass die Anzahl nicht sauberer Kinder nach Aussagen der Kindergärtner ansteigt. „Die Windelentwöhnung hat sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich verschoben. In der Regel werden Kinder heutzutage zwischen zweieinhalb und drei Jahren trocken, also etwa ein Jahr später als in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Dies hat auch Auswirkungen auf den Kindergarten. Als Vorschüler bereits ab zweieinhalb Jahren den Kindergarten besuchen durften, standen den Kindergärtnern sogenannte Kinderpfleger zur Seite. Durch ihre Arbeit in den Schulen unterstützten diese die Eltern bei der Sauberkeitserziehung“, blickte der Minister zurück. Infolge des Anhebens des Aufnahmealters auf drei Jahre seien dann vorrangig Kinder in den Kindergarten gekommen, die in der Regel trocken waren und keine Windeln mehr benötigt hätten. „Dies hatte zur Auswirkung, dass die Stellen der Kinderpfleger im Kindergarten damals, Ende der 1990er Jahre, gestrichen wurden.“ Momentan gebe es wieder vereinzelt Kindergartenkinder, die zwar älter als drei Jahre seien, die jedoch aufgrund ihres Entwicklungsstandes noch zu den Windelkindern gehörten. „Hierdurch kommt es in den Kindergärten zu größeren Problemen, wenn in einer Lerngruppe mehrere Kinder nicht sauber sind.“

Laut Koordinatorin der Schulen des offiziellen subventionierten Unterrichtswesens (OSU) – in der Regel sind das die Grundschulen in der Trägerschaft der Gemeinden – würden in den Kindergärten verschiedene Verfahrensweisen angewandt:

Der Kindergärtner wickelt und zieht das Kind entweder im Klassen- oder Sanitärraum selber um. Dies erweise sich aber als sehr schwierig, da der Kindergärtner nicht gleichzeitig Windeln wechseln und die Klasse betreuen könne.

Sollte ein Kindergartenhelfer da sein, so kümmert sich dieser in der Regel um das Wickeln und das Umziehen.

Eltern werden angerufen, um ggf. ihr Kind abzuholen, insbesondere wenn der Verdacht auf Darmgrippe besteht.

Eltern werden telefonisch aufgefordert, ihr Kind wickeln zu kommen.

Zudem gibt es Absprachen mit und unter einzelnen Familien. So haben einige Familien einen sogenannten „Notfalldienst“ eingerichtet.

Absprachen zwischen Schulen eines Netzes seien ihm nicht bekannt, so Mollers. In der Regel wünschten die Schulen aber, dass die Kinder bei der Einschreibung in den Kindergarten sauber und trocken sind. „So weisen viele Direktionen beim Einschreibegespräch darauf hin und legen des Öftern bereits zu diesem Zeitpunkt Absprachen fest. Sollte das Problem erst festgestellt werden, wenn das Kind bereits den Kindergarten besucht, dann suchen die Kindergärtner gemeinsam mit den Eltern Lösungen.“ Zur Problematik des Windelwechselns hat es laut Minister in den letzten Jahren immer wieder Beanstandungen gegeben. Die DG-Regierung setze sich aber für Lösungen ein. Beispielsweise wurde die Beschäftigungsmaßnahme „Kindergartenhelfer“ in Kooperation mit dem Arbeitsamt initiiert. „Diese Bemühungen münden jetzt in eine strukturelle Lösung, nämlich die Schaffung von etwa 50 Stellen als Kindergartenhelfer.“ Sie sollen ab September 2018 zur Verfügung stehen und Kindergärtner bei der Sauberkeitserziehung unterstützen.

Mollers betonte auch, dass es niemals eine Anordnung vonseiten des Kabinetts oder der Verwaltung gegeben habe, die Eltern oder ihre Angehörigen verpflichte, im Bedarfsfall zum Windelwechseln in die Schule zu gehen. „Im Gegenteil: Aktuell hat jedes Kind ab dem Alter von drei Jahren einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Es wäre also nicht rechtens, einem Kind, das noch nicht trocken ist, die Aufnahme in den Kindergarten zu verweigern oder einzuschränken.“

Schon in der letzten Legislaturperiode – damals noch unter Mollers‘ Vorgänger Oliver Paasch (ProDG) – sei auf die Entwicklung des späteren Trockenseins und der Sauberkeit von Kleinkindern reagiert worden. Wichtig sei auch die Zeit vor dem Kindergarten: hier ist Kaleido Ansprechpartner. Oliver Paasch hatte vor ein paar Jahren darauf verwiesen, dass gesellschaftliche Veränderungen dazu beigetragen hätten, dass Kinder immer später trocken sind: Oft seien beide Elternteile berufstätig und hätten weniger Zeit für die Sauberkeitserziehung. Andere Eltern sähen dies als Aufgabe der Schule an und kümmerten sich selber nur sehr begrenzt darum. Bessere Windeln und eine später einsetzende Sauberkeitserziehung könnten weitere Gründe sein, vermutet Harald Mollers.

Mit dem Einsatz der Kindergartenhelfer seit dem Schuljahr 2013-14 sei die Situation vor Ort entschärft worden, so der Minister mit Hinweis auf Angaben der Schulentwicklungsberatung. Die Regierung wolle weiterhin tätig werden. „Ziel ist es, die Stressfaktoren für Kindergärtner so gering wie möglich zu halten.“ Dies sei besonders wichtig, da die DG ab dem Schuljahr 2019-2020 eine Senkung des Kindergarteneintrittsalters (von 2,5 auf drei Jahre) plant. „Dies kann uns nur gelingen, wenn wir Belastungsfaktoren wie Arbeitsbedingungen, Lernumgebungen, Infrastruktur oder Lärm erfassen und an deren Optimierung arbeiten.“ So gelte es, Antworten auf Fragen zu Themen wie Platz für Wickeltisch, Bettchen für Schlafphasen, Dusche, Gruppengröße usw. zu finden. „Wir hoffen, mit der Einführung von Kindergartenhelfern ab Schuljahr 2018-2019 einen wesentlichen Beitrag zum Stressabbau der Kindergärtner zu leisten.“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette, wenn Sie den Artikel kommentieren möchten.