Bedingungsloses Grundeinkommen: Mehr als nur ein Hippietraum

GEneration

Loredana Ernst befasst sich in ihrer Endarbeit mit dem bedinungslosen Grundeinkommen.
Loredana Ernst befasst sich in ihrer Endarbeit mit dem bedinungslosen Grundeinkommen.

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen klingt fantastisch, im wahrsten Sinne des Wortes: Jeder Mensch – ob arm oder reich, berufstätig oder arbeitslos – erhält monatlich einen bestimmten Betrag, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Alle weiteren staatlichen Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld oder Rente würden stattdessen eingestellt. Jedoch könnten die Menschen ohne finanzielle Nachteile etwas dazuverdienen. Oder eben nicht. Würde uns Geld, das jeden Monat einfach so auf unser Konto überwiesen wird, fleißig oder faul machen? Dieser Frage ist Loredana Ernst aus Schoppen im Rahmen ihrer Endarbeit nachgegangen.

Von Claudia Kühnen

Finnland testet das bedingungslose Grundeinkommen derzeit, im französischen Wahlkampf wird es versprochen, die Schweiz ließ darüber abstimmen. Und es war ebendiese Abstimmung, die Loredana Ernst, Schülerin an der Pater-Damian-Schule in Eupen, neugierig machte. Die 18-Jährige wollte mehr darüber erfahren: „Wir haben sowieso im Unterricht über das bedingungslose Grundeinkommen gesprochen, und als die Schweiz dann in den Medien war, habe ich begonnen, mich in das Thema einzulesen.“

Loredana besuchte Debatten, recherchierte im Internet und diskutierte mit Freunden und Familie über das Thema. „Es ist einfach super interessant“, findet sie. So interessant, dass sie entschied, ihre Endarbeit dem Konzept zu widmen. „Ich wollte herausfinden, wie gut die Menschen darüber Bescheid wissen und was sie davon halten“, erzählt Loredana. Also startete sie eine Online-Umfrage zum bedingungslosen Grundeinkommen. Eines stellte sich relativ schnell heraus: „Es ist ein sehr kontroverses Thema. Die Meinungen gehen weit auseinander. Vor allem junge Leute wissen tatsächlich gar nicht, was das bedingungslose Grundeinkommen über­haupt ist. Es ist einfach noch nicht bei uns in Belgien angekommen“, glaubt die 18-Jährige.

Im Rahmen ihrer Endarbeit ist Loredana auch der Frage nachgegangen, was dieses Grundeinkommen mit den Menschen macht: Würde es das Arbeiten weniger interessant machen? „Ich wollte wissen, ob die Leute trotzdem weiterhin arbeiten gehen würden. Kritiker befürchten ja, ein bedingungsloses Grundeinkommen würde Menschen dazu verleiten, gar nicht zu arbeiten“, erklärt ­Loredana.

Die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen ist durchaus umstritten. In der Schweiz lehnten die Bürger das Vorhaben im Juni 2016 mit großer Mehrheit ab. Loredana sieht auch die Vorteile: „Es würde den Menschen die Freiheit geben, sich selbst verwirklichen zu können und das zu machen, was ihnen Spaß macht und nicht, was genug Geld zum Leben einbringt. Daraus resultiert dann auch eine ganz andere Arbeitsmotivation“, glaubt die Schülerin. Zudem nähmen viele Empfänger von Sozialleistungen keine kleinen Jobs an, weil sie nach Abzug der Steuern vielleicht schlechter dastehen. Das Grundeinkommen würde jedoch nicht versteuert werden, auch wenn man noch etwas dazu verdiene.

Dennoch sei das Konzept nicht ganz ausgereift, findet Loredana Ernst: „Es sind noch viele Fragen offen: Wie soll das Ganze finanziert werden? Wem stünde es zu? Würde es wirklich vollkommen bedingungslos sein? Würde der Satz vom Wohnort und den örtlichen Lebenserhaltungskosten abhängen?“

Loredana glaubt jedenfalls nicht, dass das Grundeinkommen die Menschen faul machen würde. Das habe auch ihre Umfrage ergeben: „Die Mehrheit der Leute, die ich befragt habe, würde auch weiterhin zur Arbeit gehen. Die einzigen Ausnahmen sind junge Eltern und Studenten, die sich vielleicht mehr Zeit für die Kinder oder das Studium nehmen würden. Meine Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, aber in Kanada sind die Leute ja damals auch weiterhin arbeiten gegangen.“ Die 18-Jährige bezieht sich damit auf die kanadische Stadt Dauphin, in der tatsächlich schon 1974 mit einem bedingungslosen Grundeinkommen experimentiert wurde – daraufhin sank die Arbeitslosigkeit und die Leute wurden weniger krank. Für Loredana ist das nicht verwunderlich: „Ich denke, Menschen brauchen eine Struktur im Leben. Und sie brauchen ihre Arbeit, um sich selbst zu definieren. Eine Weile Nichtstun ist vielleicht mal ganz schön, aber nicht auf Dauer. Und wenn es um Selbstverwirklichung geht, muss sich jeder Mensch damit auseinandersetzen, was er mit seinem Leben anfangen will“, so die Schülerin.

Loredana glaubt, dass das bedingungslose Grundeinkommen mehr ist als nur ein Hippietraum: „Ich denke, irgendwann wird es kommen. Ob wir das noch erleben werden, weiß ich nicht, aber es wird irgendwann kaum anders gehen. Der technische Fortschritt trägt dazu bei, dass Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen, und irgendwann wird es einfach zu wenig Arbeit für alle Menschen geben“, glaubt Loredana. Aber zuallererst, das sei das Wichtigste, müssten sich die Menschen mit der Thematik auseinandersetzen: sich informieren, eine Meinung bilden und abwägen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Bitte beachten Sie unsere Netiquette, wenn Sie den Artikel kommentieren möchten.