Nachtnotizen: Der Geisterfahrer

Kolumne

Die Senatspräsidentin Christiane Defraigne ist eine charmante Dame. Rote Lippen, schwarze Locken, auch in Jeans noch elegant. Die Medaille, die sie letzte Woche dem Senator Karl-Heinz Lambertz für seine 35-jährige parlamentarische Laufbahn verlieh, hat es in sich. Die Ehrung im Hohen Haus galt einem Deutschsprachigen. Die Anwesenheit des Kabinettschefs des Königs, Frans Van Daele, unterstreicht erneut die Wertschätzung des Monarchen für seine deutschsprachigen Belgier. Der flämische Christdemokrat, Staatssekretär Pieter De Crem, würdigte seinen sozialistischen Kollegen als „Brückenbauer“. Die liberale Präsidentin bezeichnete den Jubilar gar als „Mann der Superlative“.

Von Freddy Derwahl Freier Schriftsteller

Großes Lob für die kleinen Belgier, das jedoch nicht vom Himmel fällt. Wenn bedenkt, aus welchen Niederungen Ostbelgien seit der gescheiterten Senatskooptierung von Johann Weynand 1971 aufgestiegen ist, hat die Feierstunde für Lambertz starke symbolische Bedeutung. Über das Angekommensein hinaus rückt das politische Urgestein aus dem Weiler Schoppen in die staatsmännische erste Liga. Unübersehbar war bereits seine Berufung als Vermittler in der letzten Regierungskrise. Der Respekt ringsum nahm seitdem nur noch zu. Als Präsident des „Rates der Region“ rückt er jetzt auch in der EU in die Reihe der herausragenden Akteure.

Die Tücke des Zufalls will es, dass sich die Hochachtung für Lambertz mit einem tristen Zwischenfall im Wallonischen Parlament überschneidet. Minister Prévot, offenbar ein Aufsteiger seiner CDH-Partei, beharrt auf den Begriff „deutschsprachige Wallonen“. Die Beleidigung ist nicht neu, andere verstrickten sich bereits in dieser kurzsichtigen Deutung der Verfassung, doch liegt es Jahrzehnte zurück. Wenn Prévot jetzt das Aufstellen der Schilder „Willkommen in Ostbelgien“ verbietet, erweist er sich als politischer Geisterfahrer. Von den Perspektiven der Staatsreformen überholt, trottet er dem „neuen Belgien“ hinterher.

Der Minister vertritt ein Wallonien-Klischee, das man so langsam als überholt glaubte: einsprachig, verkrustet, auf arrogante Weise in Belgien und Europa vereinsamt. Er sollte wissen, dass es für die deutschsprachigen Belgier unbehaglich wird, einer solchen Region anzugehören.

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